"Wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg"
Posted by Hochstrasser Rene on 05/01/2008 01:59:08 AM | 0 Comments Blog, Drogen
Mathias Bröckers 11.01.2006
Ein Gespräch mit Dr. Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, der heute 100 Jahre alt wird
"Ici Rittimatte, 629 m." steht auf dem Schild neben einem Grenzstein aus der napoleonischen Zeit. Die Grenze zu Frankreich verläuft direkt über diese Bergwiese in den Ausläufern des Schweizer Juras. Hier steht das "Bänkli" mit weiter Aussicht über das Baseler Land und den Konturen der Vogesen und Schwarzwalds am Horizont, der Lieblingsplatz eines Mannes, der - sowohl was die Ausblicke, als auch was die Grenzen des Bewusstseins betrifft - Geschichte gemacht hat: Dr. Dr hc. mult. Albert Hofmann, der Entdecker des LSD. Heute wird Albert Hofmann 100 Jahre alt. Doch auch wenn er seit einer Hüftoperation vor drei Jahren mit Stöcken gehen muss, lässt er es sich an diesem strahlenden Augusttag nicht nehmen, mit uns die 500 Meter von seinem Haus hinauf zum "Bänkli" zu spazieren.
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Mit seinem Verleger und Freund Roger Liggenstorfer und zwei Dokumentarfilmern war ich am Morgen gekommen, um ein Gespräch zu führen - und auch jetzt, am Nachmittag und nach einigen Stunden Interview, zeigt unser Gastgeber keine Spur von Erschöpfung. "Jetzt versteht ihr, warum ich diesen Platz hier als mein Paradies bezeichne", sagt er, als wir auf der Bank sitzen und von der Weite des Himmels und der traumhaften Sommerlandschaft gebannt sind. "Eigentlich ist die Rittmatte hier meine allergrößte Entdeckung."
Nach seiner Pensionierung als Leiter der Naturstoffabteilung der "Sandoz AG" 1971 entdeckte er diesen Platz und baute sich mit seiner Frau Anita dort das Haus, in dem sie jetzt seit 35 Jahren leben. Doch die Entdeckung, die ihn weltberühmt machte, fand am 18. April 1943 statt, als Albert Hofmann eigentlich auf der Suche nach einem Kreislaufmittel war. In einer Frühstückspause bei einem Honigbrot und einem Glas Milch fiel ihm die Lysergsäure wieder ein, die er 1938 als Wirkstoff des Pilzes "Claviceps purpurea" identifiziert und in verschiedenen Verbindungen hergestellt hatte. Der vor allem auf Getreide schmarotzende Pilz wird "Mutterkorn" genannt und wurde schon seit dem Altertum als blutstillendes, die Gebärmutter kontrahierendes Naturmittel in der Geburtshilfe eingesetzt. Albert Hofmann und seine Kollegen hatten aus seinen Wirkstoffen das bis heute in allen Kreißsälen verwendete Standardpräparat "Methergin" gewonnen. Sieben Jahre später, fasste Hofmann in einer "merkwürdigen Vorahnung" den Entschluss, eine dieser Verbindungen, das Lsyergsäure-Diäthylamid, noch einmal herzustellen. Während der Arbeit spürte er mit einem Mal ein merkwürdiges Unwohlsein und notierte in einem Protokoll:
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Als erfahrener Chemiker, der unter Laborbedingungen und stets kontrolliert arbeitete, konnte sich Hofmann anfangs kaum vorstellen, dass sein Zustand etwas mit den Substanzen zu tun haben könnte, mit denen er an diesem Tag gearbeitet hatte. Er ging alle seine Arbeitsschritte dieses Morgens noch einmal durch und hatte zunächst ein chloroform-ähnliches Lösungsmittel in Verdacht. An das LSD dachte er als Allerletztes, weil es ja schon fünf Jahre zuvor pharmakologisch untersucht worden war und er es an diesem Morgen nur kristallisiert hatte. Heute sagt Albert Hofmann, dass er das LSD nicht entdeckt hat, sondern dass es zu ihm gekommen sei:
Was Hofmann an diesem Apriltag des Jahres 1943 widerfuhr - die tiefenpsychologische Kraft pflanzlicher Alkaloide, die Pharmakologie der Bewusstseinsveränderung -, war erst wenige Jahre zuvor überhaupt in das Blickfeld der Wissenschaft geraten. Der Berliner Pharmakologe Louis Lewin hatte mit seiner Untersuchung über "Phantastica" die ersten Forschungsberichte über die Wirkung halluzinogener Pflanzen vorgelegt. In Heidelberg hatte Kurt Beringer Ende der 20er Jahre das Meskalin untersucht, den Wirkstoff des Peyote-Kaktus, der von den Indianern Südamerikas sakrale Droge verehrt wird.
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Mit der Entdeckung des LSD trat die Erforschung dieser Substanzen in eine neue Dimension. Nicht nur, weil schon die Menge eines Staubkorns - 50 Mikrogram - eine wirksame Dosierung darstellte, sondern vor allem, weil diese Wirkung nicht nur medizinisch-therapeutisch, sondern auch für die wissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins äußerst vielversprechend schien.
Von der Wunderdroge zum Sorgenkind
Die "Sandoz AG" begann mit der Erprobungsphase des neuen Medikaments. Wie jedes Arzneimittel wurde auch "Delysid", so der Markenname, zahlreichen Prüfungen und Tests unterzogen, man stellte es Wissenschaftlern und Ärzten zur Verfügung, die damit neue Behandlungsansätze in der Psychotherapie und Psychiatrie erprobten. Es entstanden zahlreiche Studien, die äußerst vielversprechende Resultate zeigten - etwa bei Alkoholikern, die von ihrer Sucht loskamen, bei unheilbar Schwerkranken, deren psychischer Gesamtzustand sich stabilisierte, bei autistischen Patienten, die durch die LSD ansprechbar und therapierbar wurden. Der tschechische Psychiater Stanislav Grof bezeichnete LSD in diesem Zusammenhang als "Mikroskop und Teleskop der Psychiatrie", da es verdrängte, sonst kaum zugängliche Seelenanteile, ans Licht brächte.
In den ersten zwei Jahrzehnten nach seiner Entdeckung erschienen über 1.000 Fachartikel, die solche ermutigenden Ergebnisse bei insgesamt über 40.000 Patienten beschrieben (sehr viele Studien wurden von Erowid eingescannt und sind online
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Da die Versuche stets in einem kontrollierten Setting stattfanden und die Klienten vorab in Kenntnis gesetzt worden waren, dass LSD außergewöhnliche Bewusstseinszustände auslöst, kam es bei diesen Anwendungen kaum zu negativen Auswirkungen. LSD galt so für viele Wissenschaftler und Therapeuten bis Anfang der 60er Jahre als eine Art Wundermittel.
Namentlich Timothy Leary, Psychologie-Dozent der renommierten Harvard University, gab dann aber die Distanz zu seinem Forschungsobjekt auf und wurde völlig euphorisiert zu einer Art Missionar des LSD-Gebrauchs. Wegen der Propagierung von LSD bei Jugendlichen sind Leary später von Albert Hofmann schwere Vorwürfe gemacht worden. Das Verbot des LSD folgte bald. Seit Mitte der 60er Jahre zählt es zu den illegalen Betäubungsmitteln; Herstellung, Besitz und Gebrauch sind seitdem weltweit verboten. Diesen Weg von der Wunderdroge zum verbotenen Betäubungsmittel hat Hofmann in seinem Buch "LSD - Mein Sorgenkind" ausführlich beschrieben - und wie kaum ein anderer vor dem unsachgemäßen Gebrauch der Substanz gewarnt.
"Wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg!"
Als wir uns für das Interview in seinem Wohnzimmer zusammensetzen, weist er darauf hin, dass er über all das, was er in seinen Büchern schon beschrieben hat, eigentlich nicht mehr reden will: "Das hab ich dort alles besser und ausführlicher gesagt, das müssen wir nicht mehr wiederholen." Okay, uns interessiert ja auch am Meisten, wie man es schafft, als 100-Jähriger noch so erstaunlich vital und geistig rege zu bleiben. Welche Methoden hat Albert Hofmann dafür angewendet?
Deshalb bin ich auch so skeptisch gegenüber dieser technischen Kultur - weil: wir verpassen ja das Paradies! Wir vermauern und verbrettern unsere Sinne mit dieser Technisierung. Und ich bin noch zu Hause in der Natur, nicht in der technischen Welt. Ich glaube, das ist einer der entscheidenden Fehler unserer heutigen Welt: Wir kommen immer mehr ab von dem, was da ist, von diesem großen Geschenk, wir nehmen es nicht einmal mehr wahr - und rackern uns ab mit technischen Problemen. Wenn ich in der Stadt hätte leben müssen, wäre ich mit Sicherheit schon lange gestorben, schon lange tot. Ich habe das Glück, dass ich hier auf der Rittimatte im Paradies lebe - und wenn man im Paradies lebt, will man ja nicht so schnell weg.
Die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr von der Wahrheit
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Naturwissenschaft und Mystik
Als wissenschaftlicher Pionier im "Weltraum der Seele" kam Albert Hofmann mit vielen Künstlern und Kreativen in Kontakt. Mit dem Schriftsteller Ernst Jünger verband ihn eine über 50-jährige Freundschaft, Jünger hat ihre gemeisamen LSD-Experimente in seinem Buch "Annäherungen - Drogen und Rausch" beschrieben. Auch Aldous Huxley korrespondierte mit Hofmann und besuchte ihn in der Schweiz; er ließ sich vor seinem Tod, zum Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand, von seiner Frau LSD geben. Huxley benutzte es. Wie steht Albert Hofmann zu dieser Art von LSD-Verwendung als Sterbebegleitung ?
Wir können nicht sagen, woher wir kommen - dass irgendeine Supermaterie am Anfang stand und dann knallte und den Raum erzeugte... das ist doch alles dummer Mist. Darüber wissen wir nichts, das ist das große Wunder. Aus unseren Erfahrungen können wir nur sagen: Es gibt Nichts, das aus Nichts entsteht, und Nichts, das zu Nichts zerfällt. Es gibt immer nur den Wandel. Und wenn man die Naturwissenschaft und alle ihre Entdeckungen weiter denkt, stößt man immer wieder auf ein Geheimnis. Ich habe unlängst eine CD mit den Vorträgen Einsteins gehört. Dort spricht er auch darüber, und er sagt wörtlich, ich habe mir den Satz gut gemerkt: "Das Schönste und Tiefste, was ein Mensch erfahren kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen." Wenn man in das Tiefste der materiellen Wirklichkeit vorstößt, wie Einstein es getan hat, stößt man unweigerlich auf das Wunder, auf das Geheimnisvolle. Weiter kommen wir nicht. Hier stoßen wir auf dasselbe Mysterium, das auch schon die Menschen in Eleusis erfahren haben.
In den ersten zehn Jahren nach seiner Entdeckung galt LSD als wahres Wundermittel, dann kam das Verbot, die Dämonisierung - und jetzt scheint das Pendel wieder zurück zu gehen, zu größerer Akzeptanz. Selbst an der Harvard-Universität finden wieder LSD-Studien statt.
Wir sind Sonnenkinder! Unser menschliche Energie ist Sonnenenergie - entstanden aus dem Atomreaktor, den der Herrgott genügend weit weg gesetzt hat, dass er uns nicht gefährlich werden kann. Nur das Gute kommt von der Sonne, der Ballast, der Atommüll bleibt oben - nur der Mensch, dieser Idiot, glaubt, er müsste die Sonne auf die Erde holen und hier Atomkraftwerke bauen. Es ist Prometheus, der den Menschen sagt, dass sie die Sonne nicht brauchen und er ihnen das Feuer vom Himmel holt - und für diesen Übermut wird er von Zeus bestraft und muss unendliche Schmerzen erleiden, weil er den Schöpfer beleidigt hat. In diesem Mythos ist schon alles erzählt - die Griechen waren ein geniales Volk.
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Die Interview-Zitate Albert Hofmanns stammen aus einem längeren Gespräch, das Mathias Bröckers und Roger Liggenstorfer für ihr Buch "Albert Hofmann und die Entdeckung des LSD - Auf dem Weg nach Eleusis" (AT-Verlag, 2006) führten. Diesem Band sind auch alle hier verwendeten Fotos entnommen.