Der Ölteppich im Golf von Mexiko löst sich überraschend schnell auf. Experten warnen jedoch: Ölschwaden können noch jahrelang die Umwelt belasten.


Sample Image
Hundert Tage nach der Explosion auf der Bohrinsel «Deepwater Horizon» scheint das Schlimmste überstanden: Die vor zwei Wochen über dem Bohrloch installierte Kappe hält bislang dicht. Und der Ölteppich im Golf von Mexiko zersetzt sich schneller als erwartet. Er sei «in mehrere isolierte Flecken zerfallen», erklärte John Amos von der Umweltorganisation SkyTruth. Falls es keine neuen Lecks gebe, würden sich diese weiter auflösen und auf Satellitenaufnahmen nicht mehr zu erkennen sein, erklärte Amos dem «Guardian».

Was aber ist mit dem Öl passiert? Die «Washington Post» schätzt, dass immerhin rund 630 Millionen Liter, die weder abgesaugt noch verbrannt oder sonstwie beseitigt werden konnten, quasi «unauffindbar» sind. Für Jane Lubchenco, Leiterin der nationalen Ozeanographiebehörde, ist die Situation «nicht so harmlos, wie sie aussieht». Der Golf sei weder tot, noch werde er sich schnell erholen: «Die Wahrheit liegt in der Mitte.»

«Toxischer Nebel» im Meer

Experten sehen in erster Linie drei Gründe, warum sich der Ölteppich auflöst: Das Öl ist verdunstet, es wurde von Mikroben zersetzt, oder es ist nach wie vor vorhanden, allerdings unter der Wasseroberfläche. Die beiden ersten Faktoren werden durch die aktuelle Sommerhitze unterstützt und gelten als positive Entwicklung. Befürchtungen über eine erhöhte Luftverschmutzung oder Sauerstoffmangel im Meer aufgrund der Mikroben-Aktivität haben sich gemäss «Washington Post» bislang nicht bewahrheitet.

Sehr viel problematischer wäre die Existenz von Ölwolken im Meer, möglicherweise vermischt mit den Chemikalien, die BP zur Bekämpfung der Ölpest eingesetzt hat. James Cowan, ein Professor an der staatlichen Universität von Louisiana, spricht von einem «toxischen Nebel». Dieser werde für einige Zeit erhalten bleiben: «Ich fürchte, dass einzelne Lebensräume auf Dauer niedrigen Konzentrationen von giftigen Ölrückständen ausgesetzt sein werden. Und wenn das Wasser vergiftet ist, werden die Tiere vergiftet.»

Ölklümpchen in Krabben gefunden

Anzeichen dafür gibt es. Caz Taylor, eine Professorin der Tulane-Universität in New Orleans, hat junge Blaukrabben untersucht und unter ihrer transparenten Schale orange Klümpchen entdeckt. Möglicherweise hätten sich die Krabben innerhalb von Ölrückständen gehäutet. Welche Folgen dies auf Tiere habe, die solche Krabben fressen, sei völlig unklar, so Taylor. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass die Ölwolken weiterhin die Küstengebiete verschmutzen. John Kessler von der A&M-Universität in Texas schätzt laut «Guardian», dass das Problem noch lange bestehen bleibt, «von einem Jahr bis Jahrzehnte».

Ein weiteres Problem sind die rund 35 000 Tonnen Ölrückstände, die bei der Säuberung der Strände angefallen sind. Sie wurden auf Deponien in der gesamten Golfregion verbracht. Anwohner sind darüber empört, sie fürchten, das Öl könne ins Grundwasser eindringen. Und schliesslich bleibt die Gefahr bestehen, so lange das Bohrloch nicht permanent versiegelt ist. «Wir sind noch nicht aus dem Schneider», mahnte US-Krisenkoordinator Thad Allen am Mittwoch. Ab kommenden Montag solle in einem ersten Schritt eine Mischung aus Schlamm und Zement von oben in das defekte Bohrloch gepumpt werden.

Quelle: 20min