Gigantische Protuberanzen. Ein aktueller Statusreport zur Sonnenaktivität 2011

Von Andreas von Rétyi

Unser Heimatstern sieht in diesen Tagen beinahe wie ein kosmischer
Springbrunnen aus. Über die gesamte Gaskugel verteilt steigen riesige Fontänen
aus heißem Plasma auf und schweben glühend über der Oberfläche. Sie erreichen
dabei unvorstellbare Dimensionen – unsere Erde würde sich darin wie ein Fußball
im Tor ausnehmen.

 




Sonnenobservatorien verfolgen derzeit fantastische Vorgänge auf unserer
kosmischen »Zentralheizung«. Während die dunklen Fleckengebiete eher wenig
auffällig sind, steigen am Weißlichtfoto »Sonnenrand« mehrere
Riesenprotuberanzen auf – vorwiegend aus heißem Wasserstoffgas bestehende
Gebilde, die weit in die Sonnenkorona
hineinreichen. Auch auf der
Sonnenoberfläche selbst zeigen sich im
Licht der Wasserstofflinie H-Alpha bei
jener berühmten Wellenlänge von 656,28
Nanometern ausgedehnte düstere
Filamente, gleichfalls Gasfontänen, die
sich hier allerdings auf die noch heißere
Oberfläche projizieren und im Kontrast
dunkel erscheinen. Sonnenflecken und
Aktivitätsgebiete fallen derzeit eher relativ
klein aus und stellen auch keine sehr
hohe Gefahr für Flare-Detonationen und
daraus resultierende größere solare
Magnetstürme dar. Trotzdem gab es auch
in diesen Tagen deutliche Ausbrüche und
darauf folgend zunächst einen
geomagnetischen Sturm der (moderaten)
G2-Klasse. Hervorgerufen wurde er durch
einen Auswurf solaren Plasmas, das unsere Erde dann am 4. Juni erreichte.

Die elektrisch geladenen Teilchen ließen den Himmel vielerorts in mystischen
Farben aufglühen. Mit zunehmender Sonnenaktivität wächst auch die Häufigkeit
von Polarlichtern wieder. Am 5. Juni schleuderte die Sonne dann eine magnetisch
stark aufgeladene Riesenwolke ins All hinaus. Sie schwebte bis in eine
Entfernung von rund 25 Erddurchmessern über der Sonnenoberfläche. Der
gewaltige Materiebogen spannte sich von minus 10 bis minus 40 Grad heliographischer Breite
über den südöstlichen
Sonnenrand. Genau
genommen zeigten
sich hier jetzt zwei
gesonderte Fontänen,
eine gleißend helle,
über die eine
schwächere weit ins All
hinaus schoss. Hinzu
kam eine regelrechte
»Wand aus Feuer«, die
sich im südwestlichen
Quadranten über der
Sonnenoberfläche
erhob.

Die hier gezeigten
Bilder dieser Aktivität
konnte ich am 5. Juni
bei ausreichenden
Sichtbedingungen mit
einem engbandigen
H-Alpha-Filtersystem
(Halbwertsbreite 0,02
Nanometer)
aufnehmen, allerdings
verhinderten bald
aufziehende Wolken
weitere eigene Beobachtungen. Am Morgen des 7. Juni wurden dann
Magnetfelder über dem Sonnenflecken-Komplex 1226-1227 instabil. In der Folge
kam es zu einer mittelstarken Flare-Explosion mit massiver
Teilchenausschüttung. Das Solar Dynamics Observatory nahm aus dem All einen
dramatischen Film der Ereignisse auf
.

Die Koronographen an Bord überwachen den Materieschwall weiterhin und
verfolgen seine Bahn weg von der Sonne. Für den 8. oder 9. Juni werden weitere
Polarlicht-Erscheinungen erwartet, wenn der nächste Schwall geladener solarer
Teilchen vom Erdmagnetfeld eingefangen wird und in Wechselwirkung mit der
irdischen Atmosphäre tritt.

Die derzeit sichtbaren Plasmaauswürfe sind wahrhaft beeindruckend und
erfassen riesige Bereiche der Sonnenoberfläche. Der heiße Wasserstoff zaubert
bizarre Strukturen in die Regionen der Korona hinein. Für die kommende Zeit ist
auch ein weiteres Ansteigen der übrigen Aktivität zu erwarten. Einige sehr große
und magnetisch komplexe Sonnenfleckengruppen waren bereits in den
vergangenen Monaten
sichtbar – die
nebenstehende
Einzelaufnahme
entstand am 6. März
2011 im Weißlicht und
zeigt die Aktive Region
1164, eine riesige
Fleckengruppe. Einige
zusätzliche Aufnahmen
aus der eigenen Sonnenüberwachung zeigen neben den aktuell so großen
Protuberanzen auch einige Aktivitätsgebiete der vergangenen Wochen.

Nach einer zwischenzeitlich insgesamt recht ruhigen Phase tut sich jetzt wieder
mehr auf unserem Stern, der sich nun doch eher so verhält, wie es für den
einigermaßen zuverlässigen Elfjahresrhythmus zu erwarten ist. Der Zyklus 24
befindet sich im Gange, was allerdings Überraschungen jeglicher Art nicht
ausschließt. Insgesamt muss zunehmend mit geomagnetischen Stürmen nach
solaren Flare-Detonationen gerechnet werden, von denen besonders intensive
Ereignisse durchaus berechtigten Anlass zur Sorge geben können. Sowohl die
extensiv technisierte Welt als auch die ohnehin immer stärker belastete
Gesundheit könnten bei solchen Vorfällen auf weiter Ebene negativ beeinflusst
werden.

Quelle: Kopp Verlag

Alle Aufnahmen © Andreas v. Rétyi