Scarlette Keeling - Das große Goa-Mysterium
Posted by Hochstrasser Rene on 09/05/2011 09:26:15 AM | 0 Comments Blog, Latest News
Scarlette Keeling am Anjuna Beach in Goa, die dort vermutlich vergewaltigt und
ermordet wurde.
Der Fall hat die Schleußen geöffnet für eine Flut von Meinungen, Kommentaren,
Ratschlägen, geschwungene Zeigefinger et al.
Nachrichtensender wie der zunehmend reißerische englischsprachige Sender
CNN IBN führen ihre eigenen "Untersuchungen" durch und strahlen dann
Sondersendungen wie diese hier im gestrigen Abendprogramm aus.
"Sind ausländische Touristen Opfer einer Image-Falle" (Englisch)
Videolink (Englisch) Einschließlich einer deutschen Touristin als Spezialgast.
Auch Indienforen im Internet schenken dem Fall große Aufmerksamkeit. (z.B. Indiamike, Englisch)
Scarlette Keeling befand sich mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern auf einer sechsmonatigen Reise durch Indien
und hielt sich allein in Goa auf, nachdem die Mutter und Geschwister nach
Karnataka weitergereist waren. Die Mutter hatte Scarlette in der Obhut eines
Mannes sowie zweier älterer Damen gelassen, von denen sie ausging, sie seien
vertrauenswürdig. Als Scarlette gefunden worden war, berichtete die Polizei, sie
sei auf Grund von Trunkenheit oder unter Einfluss von Drogen ertrunken.
Inzwischen vermuten die Medien eine Vertuschungsaktion durch die Goa Polizei.
The Scarlette Riddle (CNN IBN Video, Englisch)
Es gibt viele Blickwinkel, von denen aus man den Fall angehen kann: die reißerische Presse, die den Tod einer einzigen Touristin stilisiert. Die Korruption
und Vertrauensunwürdigkeit der indischen Polizei, die den Fall vermutlich zu
vertuschen versucht hat. Das Verhalten der betrunkenen oder anderweitig
beeinflussten Touristen in Goa. Die Stellung der Frau in Indien. Die Frage, ob es
ok für eine Mutter ist, ihre 15jährige Tochter in einem unbekannten Land allein zu
lassen.
Bei der gestrigen Show auf CNN IBN, die ich mit steigendem Blutdruck verfolgte,
faszinierte mich vor allen Dingen ein Kommentar des dt. Gastes Cordula, die
nämlich, nachdem sie der mit Schallgeschwindigkeit sprechenden Moderatorin
erklärt hatte, sie sei in Indien nicht vorsichtiger oder unvorsichtiger als in anderen
fremden Ländern auch, sagte, "Leute sollten ausländische Frauen respektieren
wie andere Frauen auch". Ich dachte mir, Cordula, genau da liegt das Problem.
Woher kommt der Irrglaube, andere Frauen (sprich: indische) wären hierzulande
respektiert?
Indien ist immer noch sehr konservativ, auch wenn ich gelegentlich Damen
sehe, deren Ausschnitt so tief ist, dass man schon von sexueller Nötigung der
Umstehenden sprechen muss, oder Menschen (männlich wie weiblich), deren
Jeans so tief hängen, das man praktisch deren Enddarm inspizieren kann. Solche
Einzelkämpfer des schlechten Geschmackes machen Indien nicht modern.
Frauen sind nicht gleichwertig. In vielen öffentlichen Dokumenten muss man
"Name des Ehemannes" oder "Name des Vaters" eintragen, ganz so, als sei man
kein komplettes, mündiges Wesen. Bis vor wenigen Jahren konnten Frauen kein
Land erben. Ich kenne Familien, in denen die Töchter bis heute vom Erbe
ausgeschlossen sind, und denen es auch nicht einfallen würde, sich darüber zu
mokieren.
Das ist halt so.
Gleichzeitig halte ich es für unumgänglich, dass Touristen ihr Verhalten zügeln. Ich finde es nicht richtig, wenn sich die Damen am Strand im Bikini zeigen.
Richtig ist, dass ein Bikini nicht automatisch dazu führt, dass man am nächsten
Morgen tot aus dem Wasser gefischt wird.
Richtig ist aber auch, dass ein Bikini (und nicht nur der) Vorurteile untermauert, die
nun leider Gottes in Indien herrschen. Die sog. "Image-Falle", von der CNN IBN
spricht. Die Idee im männlichen, indischen Kopf, weiße Frauen stünden einem
sexuellen Abenteuer mit so ziemlich jedem Inder sehr positiv gegenüber.
Woher kommt das Vorurteil?
Aus den Medien? Aus Hollywoodfilmen? Aus dem Wissen, dass westliche Frauen
sich ihre Partner selbst suchen? Aus dem Fakt, dass Sex vor der Ehe im Westen
erlaubt ist?
Wer weiß schon genau, was im Hirn des indischen Mannes vorgeht, wenn er
weiße Frauen sieht?
Vorurteile sind ganz verzwickte, hartnäckige Einstellungen. Hat man eins, dann
nimmt man Informationen, die das Vorurteil unterstützen, schneller und
eindeutiger wahr, während man widersprüchliche Informationen weniger deutlich
bemerkt. Gleichzeitig behält man die untermauernden Informationen besser im
Gedächtnis, und so bleiben Vorurteile ganz automatisch erhalten. Es gibt
vermutlich viel mehr weiße Touristinnen in Indien, die züchtig gekleidet sind. Aber
das macht nichts. Mann sieht diejenigen sofort und erinnert sich an diejenigen am
längsten, deren sekundäre Geschlechtsmerkmale aus der Bluse hüpfen. Oder die
rauchen. Oder in der Öffentlichkeit trinken. Oder mit mehreren männlichen
Partnern tanzen. Alles Dinge, die frau in Indien traditionell nicht macht.
Ich möchte Scarlette nicht die Schuld in die Schuhe schieben dafür, dass ich seit
Tagen ihre mit Blutergüssen überzogenen, toten Beine im Fernsehen sehen
muss. Das hat niemand verdient, egal wie kulturell ignorant die Person gewesen
sein mag. Niemand.
Aber:
Vielleicht sollten diverse Urlauber eher Ibiza ansteuern. Fängt ja auch mit "i" an.
Vielleicht ist dieses Land einfach nix für Leute, die ihre persönliche Freiheit so
hoch einschätzen, dass sie sich partout nicht anpassen können?
Das Vorurteil gegenüber westlichen Frauen ist natürlich nicht richtig. Aber es
besteht. Mit vereinter Bikinikraft kann daran keine Horde weiblicher Touristen
etwas ändern. Inzwischen fahren Reisebusse aus dem Hinterland Indiends an
die Strände Goas, damit die männlichen Reisenden weißes Fleisch gucken
können. Sie kommen wahrhaftig zu diesem Zweck an den Strand. Und sie werden
immer belohnt, weil es genügend Touristen gibt, denen nicht klar ist, in welchen
Fettnapf sie da treten. Man kann selbst eine für westlichen Standard konservative
Dame sein, gut situiert, verheiratet, mit Kindern, erfolgreich, was weiß ich. Für den
Betrachter, dessen Geist im Käfig der Vorurteile agiert, ist man immernoch eine
***.
Nach vielen weiteren ähnlichen Fällen und Übergriffen im Jahre 2009 hat Goa
beschlossen, eine Bröschüre für Touristen herauszugeben. Mit Verhaltenstipps.
Jedes Mal, wenn ich am Strand bin, werde ich von dem Gefühl überkommen, mich
in die Fluten zu schmeißen und einen ordentlichen Badeurlaub zu genießen. Ich
stopfe dann meinen Bikini in meine Hosentasche und schlendere barfuß am
Strand entlang, grabe meine Zehen in den Sand und wünsche mich nach Italien
oder Ungarn oder sonstwohin, wo ich sehr schöne Strandurlaube genossen
habe. Hier in Indien weiß ich, was gut für mich ist.
Vielleicht ist es rückständig. Vielleicht ist es "mittelalterlich" (Was für ein Wort!).
Vielleicht ist es schlichtweg falsch. Aber es ist so. Und wenn Inder ihr Land ändern
wollen, dann werden sie es selber tun. Bis dahin, zieht euch an!
12. Mär. 2008