i-dozer * Mit Audiofiles zum Drogenrausch
Posted by Hochstrasser Rene on 07/25/2010 10:52:12 PM | 0 Comments Blog, Drogen

Es sind Töne, die zwischen den beiden Ohren hin und her zu springen scheinen, wie ein Tennisball, einfach in einem viel schnelleren Rhythmus. Nach etwa 90 Sekunden knistert es und dann klingt es ein bisschen wie ein Düsenjet, der gleich seine Triebwerke anwirft. Danach bleibt da minutenlang ein fieser Ton, der irgendwann wieder zum auditiven Tennisball wird.
Das ist kurz zusammengefasst «Gate of Hades», eine kuriose, zehnminütige Audiodatei. «Gate of Hades» ist aber nicht einfach nur ein schräger Song, sondern eine dieser «digitalen Drogen», die via Kopfhörer rauschähnliche Zustände auslösen sollen (siehe Hörprobe). Bei dieser auditiven Stimulation sollen dieselben Stoffe im Gehirn ausgestossen werden wie beim Konsum echter Drogen. Bei amerikanischen Teenies sind die digitalen Drogen derart beliebt, dass Webanbieter sie als Köder nutzen und gratis auf ihren Webseiten anbieten. Audiodateien als neue Möglichkeit, «sicher und legal high zu werden».
«Rauschbeweis» auf Youtube
«Die Kinder werden in Scharen auf diese Seiten strömen, nur um selbst zu sehen, was es mit diesen digitalen Drogen auf sich hat», kritisiert Mark Woodward vom Oklahoma Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs auf dem US-News-Portal NewsOn6. So falsch dürfte der Suchtexperte mit seiner Einschätzung nicht liegen. Auf Youtube gibt es unzählige Filmchen, die Jugendliche beim Konsum der digitalen Dröhnung zeigen. Einige lächeln selig in die Kamera, andere reden wirres Zeug, wieder andere lauschen erst ruhig den Kopfhörerklängen und zucken dann unversehens los. Illegale Drogen seien garantiert keine im Spiel, wird versichert.
Kann denn das möglich sein? Ja, sagt Richard Blättler, Stellvertretender Generalsekretär beim Fachverband Sucht, dem Verband Deutschschweizer Suchtfachleute. «Es ist bekannt, dass Musik aussergewöhnliche Bewusstseinszustände hervorrufen kann.» Digitale Drogen würden an das Technopartyphänomen erinnern. Musik, besonders Technomusik, könne in Kombination mit Lichteffekten rauschähnliche Bewusstseinszustände auslösen.
Audiofiles als Einstiegsdroge?
Die digitalen Drogen werden umgangssprachlich als I-Doser bezeichnet. Dabei handelt es sich um sogenannte binaurale Beats. Über die Kopfhörer werden separat leicht unterschiedliche Frequenzen abgespielt, eine fürs rechte Ohr, die andere fürs linke. Diese verschmelzen im Gehirn zu einer neuen Frequenz, wobei der Ton nicht als anhaltend wahrgenommen wird, sondern als pulsierend. Binaurale Beats sind nichts Neues. Heinrich Wilhelm Dove entdeckte das Phänomen mit den pulsierenden Tönen schon im Jahr 1839. Vor rund 40 Jahren wurden binaurale Beats erstmals in der medizinischen Forschung eingesetzt.
In den USA laufen Jugendschutzorganisationen und Suchtexperten bereits Sturm gegen diese digitalen Drogen. Sie befürchten, dass die Jugendlichen dadurch verleitet werden, später mit illegalen Drogen zu experimentieren. Richard Blättler vom Fachverband Sucht dagegen sieht diese Gefahr nicht. «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass digitale Drogen ein Suchtverhalten auslösen.» Dies zeigen auch Statistiken im Zusammenhang mit dem Technopartyphänomen. Auch hier entsteht äusserst selten ein Suchtverhalten. Musik alleine reiche nicht aus, andere Faktoren wie das Fehler einer persönlichen Perspektive seien viel wichtiger, so Blättler.
Fraglich ist, inwiefern das Gehirn durch den Konsum von digitalen Medien verändert wird. Laut Richard Blättler löst Suchtverhalten eine bleibende Veränderung im Gehirn aus. Die Frage ist, ab wann diese Veränderung schädlich ist. Die digitalen Drogen stuft der Suchtexperte als harmlos ein. «Musik verändert das Gehirn mit Sicherheit auch, aber eher im positiven Sinn.»Quelle: TagesAnzeiger