i-dozer * Ein Selbsttest
Posted by Hochstrasser Rene on 07/25/2010 10:50:44 PM | 0 Comments Blog, Drogen

Das Angebot von digitalen Drogen, den so genannten I-Dosern, ist riesig. Von «crazy stuff» bis «very very heavy stuff» sind jede Menge Audiofiles im Web zu finden, die einen rauschähnlichen Zustand versprechen. Man kann wählen zwischen verschieden Wirkungen à la Heroin, Meth, Absinth, Koks und etwa 150 anderen Substanzen. Die meisten kosten etwas, einige auch noch ein bisschen mehr. Für den I-Doser «Hand of God» muss man 200 Franken auf den Tisch legen.
Wildbach unter Strom
Ich lasse aber sowohl Gott, als auch illegale Drogen aus dem Spiel und picke mir im Web zwei kostenlose Audiodateien heraus. Man solle sich hinsetzten oder besser noch gleich ganz hinlegen, heisst es in Insider-Foren. Der Raum solle möglichst dunkel sein und die Kopfhörer gut. Alles klar. Zuerst ist «Nitorus» an der Reihe, eine digitale Droge à 10 Minuten. Play und Augen zu.
«Nitorus» klingt wie eine Mischung aus Wildbach und Stromkraftwerk. Fühle ich etwas? Irgendwie nicht. Ausser, dass mein Kopf bald zu dröhnen beginnt. Angenehm ist der Tonbrei nicht. Ich höre Schritte draussen im Gang, denke daran, dass ich das Altpapier bündeln sollte. Was, wenn ich nichts spüre? Was schreibe ich dann im Text? Da! Meine Hände kribbeln. Bilde ich mir das ein? Ist es bloss die Sofalehne, die vielleicht einen Nerv abdrückt? Viel mehr passiert nicht in den nächsten acht Minuten.
Kribbelnde Hände und schwere Zunge
Vom zweiten I-Doser namens «Gate of Hades» erhoffe ich mir mehr. Schliesslich kursieren auf Youtube unzählige Filmchen, die Konsumenten auf einem «Gate of Hades»-Trip zeigen. Also, nochmals Augen zu und Play. Der Ton ist anfangs noch halbwegs angenehm und pulsiert zwischen meinen Ohren hin und her. Plötzlich ächzt es aus den Kopfhörern und ab dann wird es fies, für die nächsten 8 Minuten. Meine Hände wieder! Sie kribbeln. Oder? Dann passiert wieder lange nichts.
Mit ein bisschen Fantasie fühlt es sich irgendwann ein wenig so an, als sässe ich auf einem Wasserbett. Bilde ich mir alles nur ein? Jetzt sind da Stimmen. Es funktioniert! Tatsächlich. Die Ernüchterung folgt, als ich ein Auge öffne und meine beiden Kollegen vor mir stehen sehe. «Na? Wie ist es?» «Super», lüge ich. Ich muss mich konzentrieren, damit ich nicht lalle. Die Zunge wirkt ein wenig schwer, mein Kopf beduselt. Irgendetwas ist mit mir passiert. Oder war es bloss die Hitze? Der Schlafmangel, der sich aufs Wochenende angehäuft hat?
Die Stopptaste meines MP3-Players habe ich vor etwa zehn Minuten gedrückt. Es fühlt sich an wie drei Uhr in der Früh oder nach einer Stunde in der prallen Sommersonne oder nach ein paar Gläsern Rotwein. Was nach weiteren zehn Minuten bleibt, ist die Erkenntnis, dass ich definitiv nicht so cool bin wie all die Teenies auf Youtube, die sich einen I-Doser reingezogen haben. Ich hab weder angefangen zu zucken, noch zu kichern, noch wild um mich herum zu schlagen. Ein Rauschgefühl hab ich keins erlebt, eher eine bleierne Schwere. Und für die tue ich mir die fiesen I-Doser-Töne sicher nicht nochmals an.Quelle: TagesAnzeiger