Foto-Schwemme
Posted by Hochstrasser Rene on 04/13/2008 02:45:55 PM | 0 Comments Blog, Web
Von Richard Meusers und Frank Patalong
Zwei Milliarden Mal im Monat, behauptet der Industrieverband Bitkom, klicke es in Deutschland: Das Heer der gemeinen Digitalfotografen zählt 34 Millionen Köpfe, und fotografiert wird alles, was sich nicht wehrt. Bleibt nur eine Frage: Was passiert nachher mit der Datenflut?
Manchmal könnte man denken, wir alle hätten unser Gedächtnis nun endgültig externalisiert: Statt den Augenblick zu genießen und für immer in Neuronen zu konservieren, tun wir dies heute vorzugsweise in Nullen und Einsen. Die Kamera ist schnell gezückt, ihre Speicherkapazität dank Wechselmedien schier unbegrenzt, und rack-zack landen Hunderte von Bildern eines Ereignisses oder einer Szene im Speicher.
Und damit oft auch im digitalen Nirvana, denn noch klappt das nicht so gut mit dem digitalen Fotografieren. Das Problem dabei ist nicht die Technik, das Problem sind wir: Dachten wir früher, als jeder Schnappschuss noch Geld kostete, noch vor dem Foto darüber nach, wie dieses dann nachher aussehen könnte oder sollte, tun wir das heute im Nachhinein. Erst wird fotografiert, was nicht schnell genug auf den Baum kommt, und nachher wird aussortiert. Theoretisch zumindest.
Denn in der Praxis versauern die Daten oft auf irgendwelchen Speichermedien. Damit sind drei Probleme verbunden: Das Problem des Verlustes dokumentierter Lebensabschnitte (die Early Adopters unter den Eltern haben ganze Lebensjahre ihrer Kinder in den Tiefen irgendwelcher Ordnerstrukturen verlegt), das der Ordnung (wie soll man den ganzen Kram überhaupt unter Kontrolle halten?) und das der Haltbarkeit (werde ich auch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch auf meine Fotos zugreifen können?).
Tote Fotos
Gegen das erste Problem helfen nur Disziplin und ein guter Fotodrucker oder Digitaldruck-Service. Hier gilt die Regel, dass man Fotos, deren Bearbeitung man auf nächste Woche verschiebt, in der Regel auch gleich löschen könnte. Spätestens, wenn aus ein paar Hundert Schnappschüssen ein paar Tausend geworden sind, bietet sich nur noch die Endlagerung auf DVDs an, die man mit "Foto-Mausoleum 1 bis 432" beschriften kann.
Die anderen Probleme spricht der Branchenverband Bitkom ganz aktuell zur Photokina in seinem stets beliebten "Tipp des Monats" an: "Zwar wird die Qualität eines digitalen Bildes auch nach Jahrzehnten gleich sein, jedoch sollte jeder seine Daten richtig sichern, um sie auch in Zukunft finden und anschauen zu können", empfiehlt dort Ralph Hintemann, Bitkom-Experte für Datensicherung und Speichertechnologien. Denn Daten und Datenträger könnten durch Unachtsamkeit, Viren, Brände und technische Weiterentwicklung verloren gehen oder unbrauchbar werden.
TechConsult/Bitkom-Studie: Zehn Millionen Deutsche speichern Bilder ohne Sicherung nur auf ihrem PC, vier Millionen sogar nur auf den Speicherkarten ihrer Kameras
Das stimmt, ist ein ehrliches Eingeständnis und trotzdem nicht doof, weil prinzipiell ja sogar Verkaufsfördernd: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn der Bitkom in der Folge gleich die mehrfache Speicherung eines Bildes auf mehreren Datenträgern empfiehlt.
Doch es ist ja wahr, welche Art der Datenspeicherung man auch wählt, über eines sollte man sich immer im Klaren sein: Ewige Haltbarkeit garantiert keines der auf dem Markt befindlichen Systeme. Und wenn auch die Materialbeständigkeit höher geworden ist, stellt sich immer noch die Frage nach der Datenkompatibilität. Es ist mehr als fraglich, ob in 30 oder 50 Jahren handelsübliche Computer mit dann völlig veralteten Datenstrukturen zurechtkommen, wie sie derzeit verbreitet sind.
27. September 2006
FOTO-SCHWEMME
Die Zukunft des Datensalats (2)
Die Speicher-Kandidaten und ihre Zukunftsaussichten
1. Die Diskette
Man darf doch auch mal scherzen, oder?
Zukunftsaussichten: Die Diskette ist nicht nur tot, sie stinkt auch schon gewaltig.
2. Der USB-Stick
Gut geeignet für die schnelle, kurzfristige Datensicherung oder einen Datentransport. Kapazitäten von bis zu einem Gigabyte sind Standard, aber auch 4-GB-Sticks sind schon erschwinglich. Allerdings sollte man USB-Sticks nicht zur dauerhaften Archivierung verwenden. Die meisten Hersteller gewährleisten nämlich nur eine Lebensdauer von zehn Jahren.
Zukunftsaussichten: Gut, wenn man davon absieht, dass sie als Speichermedium zweckentfremdet und zu teuer sind.
3. Die CD
Die Industrie wünscht dem Format den schnellen Tod an den Hals, weil sie uns allen bereits etliche CD-Rekorder oder -Brenner verkauft hat. Für die Verkäufer ist es damit Zeit, eine Nachfolgetechnik auf den Weg zu schicken, um noch einmal abkassieren zu können. Trotzdem wird sie noch eine ganze Weile überleben: CD-ROMs sind unschlagbar billig und so verbreitet, dass auch Nachfolge-Silberscheiben-Geräte abwärtskompatibel sein werden.
Doch die CD hat auch Nachteile: Zwar gibt mancher Hersteller die Haltbarkeit seiner Produkte mit bis zu 100 Jahren an, aber man sollte dankbar sein, wenn die Silberlinge die nächsten 30 oder 40 Jahre überstehen. Die Metallbeschichtung unterliegt nämlich ebenso einem Verfallsprozess, wie die Kunststoffoberfläche. Verdrängt und abgelöst wird die CD erst dann, wenn die Nachfolgemedien billiger sind als sie. Prinzipiell ist aber auch die CD längst zu klein geworden für unsere Datenmassen: 700 MB hat man heute schnell gefüllt.
Zukunftsaussichten: Die CD bleibt uns noch ein Jahrzehnt erhalten - ob die Industrie das nun will oder nicht.
4. Die DVD (und ihre Nachfolger)
Ursprünglich als Videodatenträger ("Digital Video Disc") konzipiert, hat sie sich mittlerweile auch als zweckmäßige Alternative für die Archivierung durchgesetzt. Double Layer DVDs bohren den schon bisher üppigen Speicherplatz von 4,7 beziehungsweise 4,38 GB auf knapp 8 GB auf. In der doppelseitigen Variante fassen diese Scheiben sogar bis zu fast 17 GB.
Platzmangel ist also nicht zu befürchten, allerdings Unterschiede in der Haltbarkeit. Einfache Rohlinge sind sehr lichtempfindlich und anfällig für Datenfehler beim Brennprozess. Sicherer ist die Speicherung auf DVD-RAMs. Sie sind zwar etwas teurer, bieten aber aufgrund ihrer Sektorierung beim Brennen eine wesentlich geringere Fehleranfälligkeit.
Noch mehr Raum bietet der vor vier Jahren definierte Blue-Ray-Standard mit bis zu 27 GB, in der Dual Layer-Variante sogar 54 GB. Doch noch ist nicht klar, ob sich die Blue-ray-Disc durchsetzt oder nicht eher ihr Konkurrent HD-DVD.
Zukunftsaussichten: Die DVD wird die CD als (relativ) kleines Speichermedium ablösen (Prognose: in ca. 5-8 Jahren). Ihre Nachfolgeformate (respektive die Abspiel-Hardware) werden abwärtskompatibel sein müssen, wenn sie beim Kunden ankommen wollen. Das Format ist für ein, zwei Jahrzehnte gut, die Qualität der "Gebrannten" leider nicht unbedingt.
5. Speicherkarten
Merke: Ein Datenspeicher, auf dem man nicht nur ein paar Gigabyte kostbarer Daten unterbringen, sondern den man auch versehentlich in die Waschmaschine stecken kann, ist zur Archivierung ungeeignet.
Zukunftsaussichten: Als Mini-Speicher für die kurzfristige Zwischenspeicherung prächtig (und immer billiger!).
6. Externe Festplatten
Allen bisher genannten Speichermedien ist eines gemeinsam: sie eignen sich nicht zur wirklichen Archivierung. Obwohl die Datenmengen immer größer werden, veraltet die jeweilig zur ihrer Aufzeichnung verwendete Technologie immer schneller.
Manche empfehlen daher den Weg des dauernden Umkopierens in frische Formate. Dazu bietet sich der Einsatz einer externen Festplatte an. Die bieten massig Platz zu vergleichsweise günstigen Preisen, 250 GB sind schon für 100 Euro zu haben, die Kapazität der neuen Modelle für den Profibereich hat schon die Terabyte-Grenze überschritten.
Doch selbst das andauernde Umkopieren (und Umformatieren) der Datenbestände gibt keine Überlebensgarantie für wertvolle Bytes und Bits.
Zukunftsaussichten: Prächtig, so lange es Adapter für die alle paar Jahre wechselnden Schnittstellen gibt. Umkopieren konserviert Nullen und Einsen potenziell bis zum Lebensende, erfordert aber viel Disziplin.
7. Internet und Fotoalbum
Für die wirklich langfristige Speicherung von fotografierten Erinnerungen gibt es nur zwei Königswege: Einer führt auf eine externe Datenbank, der andere zwischen Buchdeckel.
Der Schlüssel zur Konservierung unserer Fotos liegt im Internet. Virtuelle Fotoalben wie Flickr sind ein Weg, die externe (und diskrete) Lagerung von wichtigen Datenbeständen der andere: Schon bald wird man die Arbeit, Datenbestände zeitlich oder thematisch geordnet sicher und langfristig zu lagern, Profis überlassen. Für ganz kleines Geld werden diese die Pflege der Datenbank übernehmen und Kompatibilität auch bei Formatwechseln garantieren. On demand wird man seine Fotos dann abrufen oder verteilen, für Omi und Opa immer wieder gern zu schicken, im on-demand-Verfahren gedruckten Fotobüchern arrangiert.
Die sind auch heute (bis wir Bilderrahmen und E-Papier-Alben direkt per WLAN mit Material befüttern) schon ein guter Weg, kostbare Fotos nicht im Nirvana zu versenken. Sei es, als mit guten Foto-Ausdrucken befüllte Alben, sei es als Fotobuch vom Digitaldruck-Dienstleister.
Was allerdings eines bedingt: Wir müssen wieder lernen, weniger zu fotografieren, zumindest aber bewusster.
Zukunftsaussichten: Besser geht's nicht.