Wie lightmotiv auch außerhalb der Psytrance-Szene die Leute flasht

Im Winter 1997 zauberte lightmotiv-Gründer Matthias Strobl zum ersten Mal eine Salatsoße an seine Wohnzimmerdecke. Ein umgedrehter, bodenloser Blumentopf, im Innern eine Glühbirne, das Ganze mit einer flachen Glasschale abgedeckt – mehr brauchte es nicht, um die Details und Bewegungen des gewöhnlichen Essig-Öl-Gemisches auf nie gesehene Weise abzubilden. Dem Anblick sich immer wieder neu formierender Blasen auf hellem Untergrund erliegen heute Menschen auf der ganzen Welt. Seit 1999 hat sich der Bielefelder Matthias Strobl mit seinem Unternehmen the night lab (tnl) auf die atmosphärische Ausgestaltung von Räumen spezialisiert. Der patentierte Projektor lightmotiv.analog versetzt Firmenkunden, Wellness-Hungrige, Kunstfreunde und Trance-Freaks von Berlin bis Rio de Janeiro in Staunen.



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Das Prinzip ist denkbar einfach: Die Projektoren vergrößern den flüssigen Inhalt einer durchleuchteten Petrischale auf bis zu 35 Meter Durchmesser. „Das Bild ist etwa vier mal heller als ein durchschnittlicher Videobeamer und gestochen scharf“, erklärt Matthias Strobl. „Ein Umlenkspiegel sorgt dafür, dass der Inhalt der Petrischale in alle Richtungen abgebildet werden kann.“ Mit zwei im Jahr 2005 entwickelten Geräten werden sogar Projektionsgrößen von bis zu 100 Metern Durchmesser erreicht. „Das ist weltweit die hellste Bewegtbildprojektion“, verrät der 29-jährige passionierte Tüftler und ehemalige Literaturstudent. „Bis November 2006 sind sie im Einsatz bei einer der populärsten Bühnenshows weltweit, die die Songs von Pink Floyd in Licht und Ton in Szene setzt und in 30 deutschen Städten zu sehen ist.“

Von A wie Ameise bis Z wie Zitronenöl
Klarspüler, Nagellack, Fahrradkettenpflege, Seidenmalerei-Farbe: Neben der Rotation der Schale beeinflusst die Zugabe von Effektsubstanzen das Erscheinungsbild der Projektion: „Die Grundflüssigkeit ist meist wasserlöslich. Dort hinein gibt man tröpfchenweise die unterschiedlichen Komponenten.“

Rund zweitausend Substanzen aus Apotheke, Künstlerbedarf oder Baumarkt hat der Sohn eines Chemielehrers bereits ausprobiert, rund 30 bis 40 werden ständig eingesetzt. „Die Kunst besteht darin, zu wissen, wie die einzelnen Substanzen miteinander reagieren. Wenn ich einem Laien die Fläschchen in die Hand drücke, ist der Inhalt der Schale in fünfzehn Minuten eine braune, unansehnliche Suppe. Wer sich gut auskennt, kann derselben Schale über fünf Stunden lang immer neue, bezaubernde Bilder entlocken.“ Bei Kunst-Happenings sind derzeit kleine Flußkrebse der Renner: Während sie in der wassergefüllten Petrischale ihre Bahnen ziehen, scheinen sie zugleich auf Tischen und Stühlen zum Greifen nah. „Auch um ein Vielfaches vergrößerte Ameisen, die sich in einer mit Sand gefüllten Petrischale ihren Weg bahnen, sind eher nichts für sensible Gemüter.“

Jedes Bild ist ein Unikat
Das Faszinierende am lightmotiv sind in den Augen seines Erfinders der organische Ursprung und die Einzigartigkeit: „Das Aussehen der Bilder lässt sich niemals hundertprozentig vorhersehen, denn am Ende entscheiden die Naturgesetze darüber, wie sich die Strukturen anordnen“, so der Bielefelder. „Auch lässt sich dieselbe Mischung kein zweites Mal herstellen, damit ist jedes Bild ein Unikat. Im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit, in dem alles wiederholbar scheint, ist es etwas sehr Schönes, die Einzigartigkeit des Augenblicks ganz bewusst erleben zu können.“




Die Einsatzmöglichkeiten der Projektoren sind vielfältig. „Ein lightmotiv eignet sich für eine Aufführung mit Bühnencharakter, aber auch als großflächiges Dekorationselement, bei dem sich Form, Farbe und Dynamik im Laufe des Abends verändern“, erzählt Matthias Strobl. Gerne und häufig arbeitet er mit dem Bielefelder Unternehmen Flash Art, dem führenden deutschen Anbieter von Pyrotechnik und Spezialeffekten, zusammen. „Die Chemie zwischen uns stimmt“, stellt der Jungunternehmer zufrieden fest. „Flüssiges und klassisches Feuerwerk aus einer Hand – das hat es so noch nicht gegeben.“

Deko-Element und Marketingtool
Matthias Strobl ist viel rumgekommen in nunmehr sieben Jahren tnl: Rund 700 Events sind bereits mit seiner Erfindung gestaltet worden. In Brasilien, Japan, Russland, Portugal, Italien, in der Türkei und in der Schweiz tanzten Trance-Freaks im Schatten der flüssigen Kunstwerke, die perfekt gesteuert eine Symbiose mit der Musik eingehen. In Portugal illuminierte der Bielefelder die vom Vogue Magazine initiierte Eröffnungsveranstaltung der Laureus Sports Awards 2005, in Italien die Hochzeit des deutschen Verlegers Benedikt Taschen. Bei Incentives von Davidoff, Vattenfall und Siemens-Nixdorf waberte das flüssige Feuerwerk wie bei der Präsentation des Audi A6 Avant und des Porsche Cayenne als Marketingtool über die Wände. „Den Bielefelder Delius Klasing Verlag haben wir auf der Messe Boot begleitet. Die Projektionen stimmen wir auf das Corporate Design ab. Eine Folie mit dem Namen des Unternehmens oder der Messe kann unter die Petrischale gelegt werden und erscheint so großflächig auf der Projektionsfläche.“

Die Meyer Werft in Papenburg engagierte tnl für die Illumination des Theaters auf dem Kreuzfahrtschiff „Jewel of the Seas“. „Mit nur einem kleinen Koffer im Gepäck konnten wir den Gästen etwas bieten, was sie so sicherlich noch nie zu Gesicht bekommen haben.“ Gleiches gilt für die Gastroszene: In Städten wie Amsterdam oder Berlin, wo sich Gastronomen in kreativen Ideen überbieten, kommt lightmotiv als Dekorationselement zum Einsatz.



Gegen die Schnelllebigkeit
Die Projektionen aus der Ostwestfalen-Metropole wenden sich erfolgreich gegen die Schnelllebigkeit der Zeit. „Menschen verbringen immer mehr Zeit vor dem PC, sind gestresst, wollen eine Pause. In unseren Projektionen, die das ästhetische Empfinden kitzeln, finden sie Ruhe und Entspannung. Nichts nimmt uns so gefangen wie optische Reize“, ist Matthias Strobl überzeugt. Bei der Gestaltung der Toskana Therme Bad Schandau war die tnl GmbH, die sich nicht nur dem Vertrieb ihrer Erfindung verschrieben hat, sondern das ganze Spektrum professioneller Projektions- und Lichttechnik aus einer Hand anbietet, federführend bei der Installation und Steuerung der Video- und LED-Technik.

Nachtschwärmer in Ostwestfalen können die Bildkompositionen Matthias Strobls seit geraumer Zeit im Kanal 21 bewundern. Eine bundesweite Verbreitung der Kunstwerke verspricht das neueste Projekt der Bielefelder: „Im Mai veröffentlichen wir in Kooperation mit dem Plattenlabel Elektrolux unsere erste Chill-out-DVD, auf der unsere Motive mit Musik unterlegt sind. Der Hessische Rundfunk zeigt Ausschnitte daraus in seiner Nachtschleife.“

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