Kritiker wurden abgespeist, ihre Anregungen nicht umgesetzt: Duisburg sucht Ursachen für das Todesdrama auf der Love Parade, im Zentrum der Vorwürfe stehen Stadt und Veranstalter. Haben sie ein besseres Sicherheitskonzept allein aus Kostengründen abgelehnt?
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Die Karl-Lehr-Straße in Duisburg führt zur Unglücksstelle. Ehrwürdig-ramponierte Wohnhäuser aus kohlegrauem Backstein säumen den Weg zum Alten Güterbahnhof. Ein Ort voller Ruhrpott-Romantik, der kaum geeignet erscheint für eine Party von mehr als einer Million Menschen. Nach einer Unterführung beginnt der Tunnel. 16 Meter breit, hundert Meter lang. Durch ihn quetschten sich am Samstagnachmittag Hunderttausende Besucher zur Love Parade, bei der 19 Menschen starben.

Auf dem Vorsprung eines Gartenzaunes und dem Gehsteig davor flackern Grablichter im sommerlichen Nieselregen, Sonnenblumen hängen an den Gitterstäben. Ein Seelsorger kümmert sich um die, die Hilfe brauchen. Die Stille wird nur unterbrochen von den TV-Teams, dem Klicken der Fotoapparate. Journalisten aus China, den Niederlanden, Russland und Polen sind angereist. Unter den Toten, sie sind zwischen 20 und knapp 40 Jahre alt, war nach Polizeiangaben jeweils ein Opfer aus Australien, Italien, China und den Niederlanden. Inzwischen sind alle 19 identifiziert. Über die Nationalitäten der mehr als 340 Verletzten ist bislang nichts Genaues bekannt.

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Drei Teilnehmer der Riesenparty erlagen im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen, zwei starben an einer Plakatwand, 14 weitere wurden an ein und demselben Ort gefunden: an der Rampe, die aus den beiden Tunnelröhren zum Veranstaltungsgelände führte. Kriminaltechniker haben die Umrisse ihrer Leichen mit weißer Farbe auf den Asphalt gesprüht. Dazwischen liegen zertrampelte Sonnenbrillen, zerfetzte Kleidungsstücke, einzelne Schuhe, kaputte Handys.

Der Tunnel war ein Nadelöhr, die Rampe danach die tödliche Falle. Von beiden Seiten bewegten sich die Massen in den Tunnel hinein, um in dessen Mitte aufeinanderzustoßen und abzubiegen. Der Strom kommt folglich von zwei Seiten und verdichtet sich dann. Hinzu kamen Besucher, die das Gelände über eben jene Rampe auch wieder verlassen wollten - Stau, Gedränge, ja, wohl auch die Katastrophe waren da bereits programmiert.

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Videoüberwachung des Tunnels abgelehnt

Das Sicherheitskonzept geriet schon im Vorfeld zur Farce. Lokaljournalisten, die die Örtlichkeiten bestens kannten, wunderten sich über die Wahl des Veranstaltungsortes. Ihre Kritik auf Pressekonferenzen wurde abgewehrt. Polizei und Feuerwehr legten ein Konzept vor, dass die Sicherheit der Love-Parade-Besucher gewährleistete - ohne Nadelöhr-Situation. "Ich weiß, dass es ganz konkrete Vorschläge gab, die allesamt abgebügelt wurden", sagte ein Beamter. Stadtverwaltung und Veranstalter hätten ihr Veto eingelegt und das mit "Mehrkosten" begründet.


"Sicherheit kostet Geld", konstatiert Panikforscher Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr, im Gespräch mit den Medien. Er hatte das vorgelegte Sicherheitskonzept abgenickt. Von ihm erwähnte Kritikpunkte bezüglich des Umfelds seien vorher berücksichtigt worden, sagt er. Wichtig sei gewesen, die Besucher in der Stadt aufzuhalten, damit der Zugang zum Tunnel nicht verstopft wird. "Das Problem ist nicht die Masse, sondern die Dichte", sagt der Physiker, der bereits das Konzept für das Red Bull Air Race in Berlin-Tempelhof testete. Ab sechs, sieben Personen pro Quadratmeter könnten Situationen eskalieren.

Schreckenberg sagt, er habe ausdrücklich zu einer Videoüberwachung in Tunnel und auf der Rampenfläche geraten. "Dann hätte man von außen eine Veränderung sehen und entsprechend reagieren können." Der Veranstalter jedoch habe das abgelehnt beziehungsweise wollte sich selbst darum kümmern.

"Ich habe davor gewarnt", sagt Schreckenberg, räumt aber ein: "Aber vielleicht hätte ich auch stärker warnen müssen. Ich will mich nicht frei von Schuld sprechen."

"Menschen in Feierlaune sind unberechenbar"

Er könne den Veranstalter einerseits verstehen, so der Panikforscher. "Er hat die Erfahrung von vielen Love Parades, bei denen bisher alles gut ging." Und andererseits hätte genau das bei der Planung des Mega-Events mit einfließen müssen: "Man hat die Risikobereitschaft der Besucher unterschätzt", glaubt Schreckenberg. "Menschen in Feierlaune sind unberechenbar."

Auf der Pressekonferenz im Duisburger Rathaus wiesen die Verantwortlichen am Sonntag in einer jämmerlichen Vorstellung alle Schuld von sich. Oberbürgermeister Adolf Sauerland redete sich mit der Dauerfloskel heraus: "Es gibt viele Fragen, die heute nicht beantwortet werden können." Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller drückte seine Bestürzung und "tiefe Trauer" aus, versprach "eine lückenlose Aufklärung der Tragödie" und verkündete das Ende der Love-Parade-Ära. Sonst aber hatte auch er keine Antworten auf die vielen Fragen.

Polizei-Vizechef Detlef von Schmeling und Leiter des Krisenstabs Wolfgang Rabe rangen sich selten zu klaren Antworten durch, meist verloren sie sich in allgemeinem Schwadronieren.

Warum gab es zur Love Parade in Duisburg nur einen Zugang? Warum ausgerechnet durch einen Tunnel? Schmeling: "Keine Person ist im Tunnel ums Leben gekommen." Der Zulauf zum Gelände sei den ganzen Tag von der Polizei geregelt worden. Dass die Anzahl der Besucher im Tunnel mit zeitweiligen Vollsperrungen reguliert werden müsse, sei "Teil des Sicherheitskonzepts" gewesen.

Wer hat genehmigt, dass es nur einen Zugang gibt? Rabe: "Der gesamte Weg ist mit allen Beteiligten abgesprochen und genehmigt worden."

Wies die Feuerwehr den Oberbürgermeister auf die Gefahren hin? Sauerland: "Es gibt viele Fragen, die heute nicht beantwortet werden können." Und Rabe: "Von einer derartigen Äußerung ist mir nichts bekannt."

Mehrere Teilnehmer behaupten, sie hätten die Polizisten vor einem bevorstehenden, gefährlich werdenden Gedränge gewarnt. Warum hat die Polizei nicht reagiert? Schmeling: "Auf der Rampe kam es zu einer Unfallsituation, weil Besucher das Gelände über andere Wege erreichen wollten."

Sah das Sicherheitskonzept ursprünglich nicht eine strikte Trennung von ankommenden und fortgehenden Besuchern vor? Rabe: "Dazu werde ich mich nicht äußern."

Unter die Journalisten hatte sich auch Fritz Pleitgen gemischt. Der ehemalige WDR-Intendant ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Ruhr.2010 GmbH. Der Schrecken über die tödliche Katastrophe in seiner Geburtsstadt Duisburg stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zur Presse sagte er, erst jetzt werde ihm bewusst, welch ein Glück es sei, dass bei der Aktion "Still-Leben" auf der gesperrten A40 vor wenigen Tagen nichts passiert sei. Drei Millionen Besucher hatten daran teilgenommen.

Quelle: Spiegel Online