Das Internet ist "voll". Die Anzahl der benutzten IP-Adressen erreicht das technische
Limit. Deshalb soll Ende des Jahres auf ein neues System umgestellt werden: IPv6.
Heute wird es im Netz getestet. IPv6 wird jedem Handy und bald auch jedem
Kühlschrank eine feste IP-Adresse zuordnen. Datenschützer sind entsetzt.

von Alexander Nieschwietz für tagesschau.de



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Der Kühlschrank zu Hause heißt 2001:0db8:85a3:08d3:1319:8a2e:0370:7344.
Das Handy, mit dem man gerade am Strand von Mallorca liegt, hat
2001:0db8:85a3:08d3:1319:8a2e:0370:7344 eingespeichert. Also befiehlt es dem
Kühlschrank über das Internet, anzuzeigen, welche Lebensmittel man vor dem
Rückflug noch schnell einkaufen sollte.

Ein Rechenzentrum mit Kabelverbindungen von Servern bei einem Provider in Berlin (Foto: picture-alliance/ ZB)

Die IP-Adressen gehen aus. Deshalb soll Ende des Jahres von IPv4 auf IPv6
umgestellt werden.
Möglich wird diese Zukunftsvision mit dem neuen
Internetprotokoll IPv6. Es soll Ende des Jahres an den Start gehen und wird heute
von Internetfirmen wie Google, Facebook und der Telekom getestet. Denn heute
ist der sogenannte IPv6-Day. Die Unternehmen wollen vor dem weltweiten Start
Ende des Jahres noch die letzten Probleme aufspüren.

Unternehmen brauchen IPv6

Unternehmen wie Google & Co wünschen sich eine Umstellung auf IPv6 schon
lange, denn ihnen gehen die sogenannten IP-Adressen aus. Eine IP-Adresse wird
jedem Gerät zugewiesen, das sich mit dem Internet verbindet. Jedes Handy, jeder
Kühlschrank und jede Website kriegt sozusagen einen Fahrschein fürs Internet.
Das Problem ist nur: Der aktuell verwendeten Methode IPv4 gehen die
Fahrscheine aus. Es gibt schlicht nicht genug, weil sich immer mehr Geräte mit
dem Internet verbinden wollen.

Das ist vor allem für Webseiten-Betreiber kritisch: Sie sind auf feste IP-Adressen
angewiesen. Wenn keine festen IP-Adressen für Unternehmen mehr verfügbar
sind, können im schlimmsten Fall irgendwann keine neuen Webseiten
veröffentlicht werden.

Was sind IPv4 und IPv6?

IPvX steht für Internet Protocol Version X. Momentan ist Version 4 gültig.
Voraussichtlich Ende 2011 soll mit der Umstellung auf die neue Version 6
begonnen werden.


IPv4: ist ein 32 Bit Binärcode, dezimal codiert, etwa 4,3 Milliarden mögliche
Adressen, z.B. 192.185.154.13

IPv6: ist ein 128 Bit Binärcode, hexadezimal codiert, etwa 340 Sextillionen
mögliche Adressen, z.B. 2001:0db8:85a3:08d3:1319:8a2e:0370:7344


Mit IPv6 besteht laut Verband der deutschen Internetwirtschaft keine Gefahr mehr,
dass IP-Adressen ausgehen. Denn die 340 Sextillionen möglichen IP-Adressen
ersprechen "600 Billiarden Adressen auf jeden Quadratmillimeter der
Erdoberfläche." Server, Router, Handys und Computer müssen entsprechend
programmiert sein, damit sie mit dem IPv6-Protokoll umgehen können.

Kommt IPv6 inklusive Vorratsdatenspeicherung...

Allerdings: IPv4 lieferte eigentlich immer schon zu wenig IP-Adressen aus.
Deshalb werden die Adressen für private Internetnutzer von den Providern, wie der
Telekom, spontan vergeben: jedes Mal, wenn sich der Heimcomputer ins Internet
einwählt, kann er eine neue Adresse erhalten. Dieses Verfahren versprach
Anonymität. Doch damit könnte bald Schluss sein. Die neue Version IPv6 vergibt
für jedes Gerät eine feste IP und zwar nicht nur für Unternehmen. Datenschützer,
wie der Hamburger Datenschutzbeauftragte Prof. Johannes Caspar sprechen von
einer "kleinen Vorratsdatenspeicherung".

Caspar kritisiert, dass jedes Gerät eindeutig identifizierbar sei. Das würde den
Verlust von Anonymität im Netz bedeuten. Sein Horrorszenario: Jedem Menschen
könnte eindeutig zugeordnet werden, auf welche Website er surft, ob er das von
seinem Handy oder Computer aus tut, oder ob er mit seinem Kühlschrank
kommuniziert. Caspar befürchtet, es entstünde der "gläserne Mensch".

Kann ihr Rechner IPv6?

Link IPv6-Test

Voraussichtlich Ende des Jahres wird der neue IP-Adressstandard IPv6
eingeführt. Deshalb stellen Internetfirmen wie Facebook, Google und die Telekom
heute testweise ihre Webseiten für 24 Stunden auf IPv6 um. Da die meisten
Computer und Handys mit dem neuen Standard umgehen können, sind keine
größeren Probleme zu erwarten. Unter dem obigen Link können Sie explizit testen,
ob Ihr Gerät IPv6-kompatibel ist.

...oder ist es schlicht alternativlos?

Das hält Prof. Christoph Meinel für Hysterie. Meinel vertritt Unternehmen und
Forschung im sogenannten IPv6-Rat und setzt sich für eine möglichst schnelle
Einführung von IPv6 ein. Er sagt der neue Internet-Standard sei schlicht
"alternativlos." Denn ohne IPv6 könne sich das Internet nicht weiter ausbreiten.
Und Meinel weist den Vorwurf zurück, mit IPv6 entstünde ein gläserner Mensch.
Denn aktuelle Handys und Computer böten mit den sogenannten "Privacy
Extensions" Abhilfe. Damit würde ein Teil der IP-Adresse verschleiert und so doch
anonymes Surfen ermöglicht.

Datenschützer Caspar weist allerdings darauf hin, dass die "Privacy Extensions"
nicht von jedem Betriebssystem unterstützt werden, erst recht nicht von jedem
Kühlschrank. Daher verlangt Caspar, dass sich die Politik einmische, bevor IPv6
an den Start geht. Er fordert eine Pflicht für "Privacy Extensions" in jedem
internetfähigen Gerät. Sonst entstünde mit IPv6 keine schöne neue Internet-Welt,
sondern ein "Telefonbuch der Internetnutzer". Dies wäre das Ende der Anonymität
im Internet, da dann Diensteanbieter die Person hinter der IP-Adresse bei dem
Besuch einer Website wiedererkennen könnten, auch ohne dass diese sich
namentlich anmeldet, so Caspar.

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Internetprovider versprechen Anonymität

Damit es nicht soweit kommt, haben Internetprovider angekündigt auch bei IPv6
dafür zu sorgen, dass die IP-Adresse bei jedem Einwählen ins Internet neu
vergeben wird. Dies wird aber am heutigen IPv6-Day nicht ausprobiert. Darauf
müssen die Internetnutzer warten, bis IPv6 Ende des Jahres dann vollständig an
den Start geht.